Leseprobe: Erde und Asche (2001)

Atiq Rahimi, Erde und Asche, Novelle, Claassen 2001 (Auszug)

Du ziehst einen Apfel aus dem Bündel. Erneut beginnst du mit Gott zu hadern. Du flehst ihn an, von seinem Sockel herabzusteigen. Du breitest den Schal mit dem Apfelblütenmuster aus, als würdest du ihn einladen, das sieben Tage alte Brot mit dir zu teilen. Du möchtest ihn fragen, was du Ihm angetan hast, dass Er dir solch eine Wegzehr beschert hat…

– Der Soldat behauptet, die Russen hätten das Dorf zerstört?
Mirsā Qadir tritt zwischen dich und deinen Gott. Du segnest ihn für diese Frage, die dich davor bewahrt, gegen Ihn in den Kampf zu ziehen. Gott bittest du um Vergebung, Mirsā Qadir antwortest du,
– Frag nicht, Bruder, sie haben niemanden verschont… Ich frage mich, was unser Dorf Gott bloß angetan hat… Es ist dem Erdboden gleich geworden.
– Weshalb haben sie Euch angegriffen?
– Ach, weißt du, mein Bruder, wollte man in diesem Land jemanden fragen weshalb, müsste man bei den Toten in ihren Gräbern beginnen. Woher soll ich das wissen? Vor einiger Zeit waren ein paar Verräter von der Regierung gekommen, um Truppen auszuheben. Die Hälfte der jungen Männer ist geflohen, die andere Hälfte hat sich versteckt. Unter dem Vorwand, die Häuser zu durchsuchen, haben die Milizen alles geplündert und verwüstet. Mitten in der Nacht sind ein paar Männer aus dem Nachbardorf gekommen und haben die Regierungsmilizen geköpft… Die jungen Leute, die sich versteckt hielten, um nicht unter dem roten Banner dienen zu müssen, haben sie mitgenommen… Kein ganzer Tag war vergangen, als die Russen kamen. Sie umzingelten das Dorf. Ich war in der Mühle. Plötzlich hörte ich eine Explosion. Ich ging hinaus. Ich sah nichts als Flammen und Staub. Ich rannte auf das Haus zu. Weshalb wurde ich nicht vom Blitz erschlagen, ehe ich das Haus erreichte! Was habe ich verbrochen, dass ich am Leben geblieben bin, um zu sehen…
Schluchzer schnüren dir die Kehle zu. Tränen füllen deine Augen. Nein, es sind keine Tränen, es ist der Kummer, der schmilzt und herabfließt. Lass ihn fließen.

Mirsā Qadir verharrt schweigend im Fensterrahmen seines Kiosks, wie ein Bild. Als sei er Teil des Gemäldes auf der Wand hinter ihm.
Du fährst fort,
– Durch Flammen und Rauch rannte ich auf das Haus zu. Ehe ich es erreichte, sah ich Yassins Mutter. Sie rannte, ganz und gar nackt… Sie schrie nicht, sie lachte. Wie eine Verrückte rannte sie umher… Sie war im Hammam, da fiel die Bombe. Das Hammam war explodiert. Einige Frauen waren getötet oder lebendig begraben worden… Aber meine Schwiegertochter… Ach, wär ich doch erblindet und hätte sie nicht in solch einer Schande sehen müssen. Ich rannte ihr hinterher, aber sie ist in den Flammen verschwunden. Ich erreichte das Haus, ich weiß nicht mehr, wie… Vom Haus war nichts mehr übrig… Es hatte sich in eine Gruft verwandelt, für meine Frau, meinen anderen Sohn, seine Frau, seine Kinder…
Ein Kloß verschließt dir die Kehle. Eine Träne rinnt herab. Du wischst sie mit einem Zipfel deines Turbans ab und fährst fort,
– Außer diesem einen Enkel hat niemand überlebt. Aber er kann mich nicht hören. Als würde ich mit einem Stein sprechen. Es bricht mir das Herz. Sprechen reicht nicht, lieber Bruder. Worte, die nicht gehört werden, nützen gar nichts, es sind Tränen…

Du umarmst Yassins Köpfchen. Das Kind hebt die Augen zu dir auf. Es sieht dich an und ruft,
– Opa weint. Mein Onkel ist tot, meine Bibi ist fort… Qader ist tot, Bobo ist tot!
Seit einer Woche wiederholt Yassin diese Worte, sobald er dich weinen sieht. Jedes Mal stellt er das Bombardement mit Lauten und Händen nach und erzählt,
– Die Bombe war sehr stark. Sie hat alles verstummen lassen. Die Panzer haben allen Leuten die Stimme weggenommen und sind weggefahren. Sie haben sogar Opas Stimme mitgenommen. Opa kann nicht mehr sprechen, er kann mich nicht mehr schelten…

Das Kind lacht und rennt auf die Baracke des Wächters zu. Du rufst ihm nach,
– Komm zurück! Wohin läufst du?
Vergebens. Lass ihn doch spielen gehen.
Mirsā Qadir, der bislang verstummt war, als fände er keine Worte, um deinen Kummer zu teilen, murmelt nun leise einige Koranverse und spricht dir sein Beileid aus. Dann fährt er, jedes Wort betonend, fort,
– Lieber Vater, heutzutage sind die Toten glücklicher als die Lebenden. Was sollen wir tun? Es sind schlimme Zeiten. Die Menschen habe ihre Würde verloren. Statt aus dem Glauben Macht zu schöpfen, ist die Macht ihr Glaube geworden. Es gibt keine Männer mehr, die diesen Namen verdienten, es gibt keine Helden mehr. Die Menschen haben Rostam vergessen. Heute tötet Ssohrāb seinen Vater und, verzeihen Sie mir diesen Ausdruck, schläft mit seiner Mutter. Es ist die Zeit der Schlangen des Zahhāk. Der Schlangen, die das Hirn junger Männer verzehren…
Er unterbricht sich, um sich eine Zigarette anzuzünden. Er deutet mit der Hand auf das Gemälde an seiner Wand und fährt fort,
– Überhaupt haben sich die jungen Männer heutzutage selbst in Zahhāk verwandelt. Sie verbünden sich mit dem Teufel und werfen ihre eigenen Väter in die Grube… Eines Tages werden ihre Schlangen ihre eigenen Gehirne vertilgen.

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