Leseprobe: Teheran Revolutionsstraße (2009)

Amir Hassan Cheheltan, Teheran Revolutionsstraße, Roman, P. Kirchheim Verlag, 2009 (Auszug)

Was Fattah auch immer tat, er konnte nicht einschlafen. Ständig rollte er sich von der einen auf die andere Seite und blickte aus den Augenwinkeln zum Fenster, auf die Ecke, an der der Vorhang beiseite geschoben und der Himmel sichtbar war. Der Morgen wollte nicht kommen. Zuvor hatte er zwar schon ein, zwei Gläschen Wodka gekippt, die aber nicht gewirkt hatten. Sie hatten ihn lediglich schwindlig gemacht, das war’s!
Das Mädchen erschien für einen Augenblick und verschwand wieder, es betrachtete ihn, und seinen Lippen entwich eine Art bläulicher Dunst. Sie war kein Mädchen, sondern Balsam fürs Herz, mit jenen schwarzen Augen, die er im Rückspiegel gesehen hatte; insbesondere, wenn der Wagen über die Schlaglöcher fuhr, und sie vor Schmerz die Brauen verzog und sich auf die Unterlippe biss, wobei ihr alles Blut, das in ihrem Körper kreiste, in die Wangen zu steigen schien. In dieser späten Herbstnacht empfand er nach all den Jahren, in denen er die Mädchen auf das Bett seiner Klinik verfrachtet und ihre Jungfernhäutchen vernäht hatte, plötzlich eine gewisse Reue und Scham, dass er mit den Händen zwischen die Schenkel dieses einen Mädchens gefahren war, und das war ein neues Gefühl. Viele Jahre war das seine Arbeit gewesen; er spreizte die Schenkel der Mädchen auf dem schmalen Bett, stülpte mit zwei Fingern die Schamlippen um, fügte die Ränder des zarten Gewebes zusammen und vernähte ihre verlorene Jungfräulichkeit. Es war ihm jedoch nie passiert, dass er sich in eine von ihnen verguckt hätte. In dieser Nacht besuchte er nicht einmal Ssahar in ihrem Appartement. Er hatte keine Lust, sondern wälzte stattdessen verworrene Gedanken. Immer wieder stand er auf und rauchte in der Dunkelheit eine Zigarette, starrte in die finsteren Winkel des Zimmers und sah nur sie, die jedes Mal, wenn sich ihre Blicke trafen, mit unschuldiger Keuschheit den Kopf neigte, die Lider senkte und sich an der Wand von ihm entfernte, als tadele sie Fattah für das, was er ihr angetan hatte.
Er hatte Maschallah nicht mehr aufgesucht, als sei nicht die Sängerin diejenige, die er suchte, und als seien all die langen Jahre der Sehnsucht nur aus dem einen Grund verstrichen, damit er sich eines Tages, kurz vor seinem Vierzigsten, derjenigen, die ihr so sehr ähnelte, das heißt in Wahrheit ihrer Jugend ähnelte, bemächtigen könnte. Er hatte viele Frauen und Mädchen gehabt, aber keine von ihnen hatte ihn mit nur einem Blick, einem Seufzer, einem verschämten Lächeln oder etwas Ähnlichem derart überwältigen können. Je mehr Zeit in den vergangenen Tagen verstrichen war, desto stärker empfand er diese Überwältigung.
Und dann fiel ihm eine ähnliche Empfindung ein, eine ferne Erinnerung, vermutlich, weil sie monatelang dieselbe Ungeduld hervorgerufen hatte, nur ein einziges Mal, und jetzt, nach so vielen Jahren, von neuem?
Er ging aufs Gymnasium, und sie war die Nachbarstochter, lernte auf dem Flachdach für die Schule, setzte sich auf die steinerne Dachwalze und lehnte sich an die Lehmmauer des Dachzugangs. Der Tschador fiel ihr auf die Schultern. Das Haar schwarz und seiden; wenn sie darüber strich, sprühte es Funken und schillerte in außergewöhnlichen Regenbogenfarben. Wenn sie lächelte, blitzte die regelmäßige Reihe ihrer blanken Zähne durch den Spalt ihrer hellroten Lippen auf. Ihre hellen Fußknöchel bewegten sich langsam, mit Gummilatschen, die an ihren Füßen klebten, in einer gleichmäßigen Kreisbewegung. Der Fünfzehnjährige hatte Mühe zu schlucken, der Atem stockte ihm in der Brust und sein Herz hämmerte ungestüm. Er betrachtete sie von der Veranda seines Hauses aus.
Das Mädchen hob manchmal den Kopf von seinem Buch, ein verschwommenes Lächeln, ein vager Blick, es strich sich übers Haar und blickte dann wieder auf das Buch. Die Elektrizität hing noch Augenblicke in der Luft. Wenn die Schmetterlinge auf sie zu flogen, schloss sie die Augen, hob den Kopf und wendete sich der Sonne zu. Ein Falter setzte sich auf ihr Augenlid und flog wenig später, nachdem er sich an der Süße gelabt hatte, die aus ihren Poren drang, davon und der Sonne entgegen. Es war Ende Frühling, die Bäume hingen voller Kirschen. Das Mädchen streckte die Hand vom Dach aus, ergriff mit den Fingern ein Blatt und zog den Zweig zu sich heran. Das Blatt riss ab, der Zweig schnellte zurück, Staub wirbelte auf, das Mädchen nieste, ein Duft von Mandarinen und eine feuchte Brise breiteten sich aus.
Fattah kletterte von der Veranda aufs Dach. Er stieg über eine niedrige Mauer, die die beiden Dächer voneinander trennte. In der Hand trug er einen langen Holzstecken. Als das Mädchen ihn erblickte, erhob es sich. Dabei geriet die Luft in Bewegung und wieder jener Duft von Mandarinen und die feuchte Brise.
Fattah verankerte den Stecken im Kirschzweig und zog ihn heran. Der Zweig senkte sich auf den Stampflehm des Dachs. Das Mädchen pflückte eilig die Kirschen und schüttete sie in einen Zipfel ihres Tschadors. Fattah ließ den Zweig los. Eine Frau trat aus dem Dunkel eines Zimmers ans Fenster, »Mahroch … Mahroch!«
Mahroch biss sich auf die Lippe und spähte von der Dachkante hinab. Die Frau am Fenster fragte, »Was war das für ein Geräusch?« Mahroch sagte, »Nichts, Mama! Es war die Katze.«
Dann setzten sich die beiden in den Schutz des Dachzugangs. Fattah lehnte sich an die Ziegelmauer. Mahroch streckte die Hand aus und strich ihm eine Strähne aus der Stirn. Sie lächelte. Sie hob die Kirschen einzeln auf, entstielte sie und schob sie zwischen ihre Lippen. Einen Augenblick wendete sie sie zwischen den Lippen, dann sog sie sie ein und zerdrückte sie mit den Zähnen. Der Saft der Kirschen sickerte durch ihre Lippen, und tröpfelte, während ihre Kiefer langsam mahlten, in ihre Mundwinkel. Tiefrote Lippen! Ihre Augenlider hoben sich, ihr Blick blitzte, gesättigt von der Süße der Kirschen, und eine Glückseligkeit wogte wie ein seltenes Gefühl im ungeduldigen Herzen des Jünglings. Sie streckte die Hand aus und nahm eine weitere Kirsche.
Fattah starrte sie mit halboffenem Mund an, blinzelte unvermittelt und atmete hastig; er bekam wohl keine Luft mehr.
Plötzlich wurde die Hoftür laut zugeschlagen. Mahroch sprang auf. Sie streckte die Hand warnend in die Höhe. Dann das Geräusch von schlurfenden Schritten auf den Kacheln des Innenhofs! Mahroch sagte, »O weh, mein großer Bruder!« Sie hatte sich erschreckt. Ihre Brüste zeichneten sich verschwommen auf ihrem dünnen Kleid aus Seidenbatist ab, und ihre Poren verströmten einen merkwürdigen Duft. Dann legte sie Fattah beide Hände auf die Schultern, »Geh, geh nach Hause. Pass auf, dass dich keiner sieht!«

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