Leseprobe: Teheran Revolutionsstraße (2009)

Amir Hassan Cheheltan, Teheran Revolutionsstraße, Roman, P. Kirchheim Verlag, 2009 (Auszug)

Was Fattah auch immer tat, er konnte nicht einschlafen. Ständig rollte er sich von der einen auf die andere Seite und blickte aus den Augenwinkeln zum Fenster, auf die Ecke, an der der Vorhang beiseite geschoben und der Himmel sichtbar war. Der Morgen wollte nicht kommen. Zuvor hatte er zwar schon ein, zwei Gläschen Wodka gekippt, die aber nicht gewirkt hatten. Sie hatten ihn lediglich schwindlig gemacht, das war’s!
Das Mädchen erschien für einen Augenblick und verschwand wieder, es betrachtete ihn, und seinen Lippen entwich eine Art bläulicher Dunst. Sie war kein Mädchen, sondern Balsam fürs Herz, mit jenen schwarzen Augen, die er im Rückspiegel gesehen hatte; insbesondere, wenn der Wagen über die Schlaglöcher fuhr, und sie vor Schmerz die Brauen verzog und sich auf die Unterlippe biss, wobei ihr alles Blut, das in ihrem Körper kreiste, in die Wangen zu steigen schien. In dieser späten Herbstnacht empfand er nach all den Jahren, in denen er die Mädchen auf das Bett seiner Klinik verfrachtet und ihre Jungfernhäutchen vernäht hatte, plötzlich eine gewisse Reue und Scham, dass er mit den Händen zwischen die Schenkel dieses einen Mädchens gefahren war, und das war ein neues Gefühl. Viele Jahre war das seine Arbeit gewesen; er spreizte die Schenkel der Mädchen auf dem schmalen Bett, stülpte mit zwei Fingern die Schamlippen um, fügte die Ränder des zarten Gewebes zusammen und vernähte ihre verlorene Jungfräulichkeit. Es war ihm jedoch nie passiert, dass er sich in eine von ihnen verguckt hätte. In dieser Nacht besuchte er nicht einmal Ssahar in ihrem Appartement. Er hatte keine Lust, sondern wälzte stattdessen verworrene Gedanken. Immer wieder stand er auf und rauchte in der Dunkelheit eine Zigarette, starrte in die finsteren Winkel des Zimmers und sah nur sie, die jedes Mal, wenn sich ihre Blicke trafen, mit unschuldiger Keuschheit den Kopf neigte, die Lider senkte und sich an der Wand von ihm entfernte, als tadele sie Fattah für das, was er ihr angetan hatte.
Er hatte Maschallah nicht mehr aufgesucht, als sei nicht die Sängerin diejenige, die er suchte, und als seien all die langen Jahre der Sehnsucht nur aus dem einen Grund verstrichen, damit er sich eines Tages, kurz vor seinem Vierzigsten, derjenigen, die ihr so sehr ähnelte, das heißt in Wahrheit ihrer Jugend ähnelte, bemächtigen könnte. Er hatte viele Frauen und Mädchen gehabt, aber keine von ihnen hatte ihn mit nur einem Blick, einem Seufzer, einem verschämten Lächeln oder etwas Ähnlichem derart überwältigen können. Je mehr Zeit in den vergangenen Tagen verstrichen war, desto stärker empfand er diese Überwältigung.
Und dann fiel ihm eine ähnliche Empfindung ein, eine ferne Erinnerung, vermutlich, weil sie monatelang dieselbe Ungeduld hervorgerufen hatte, nur ein einziges Mal, und jetzt, nach so vielen Jahren, von neuem?
Er ging aufs Gymnasium, und sie war die Nachbarstochter, lernte auf dem Flachdach für die Schule, setzte sich auf die steinerne Dachwalze und lehnte sich an die Lehmmauer des Dachzugangs. Der Tschador fiel ihr auf die Schultern. Das Haar schwarz und seiden; wenn sie darüber strich, sprühte es Funken und schillerte in außergewöhnlichen Regenbogenfarben. Wenn sie lächelte, blitzte die regelmäßige Reihe ihrer blanken Zähne durch den Spalt ihrer hellroten Lippen auf. Ihre hellen Fußknöchel bewegten sich langsam, mit Gummilatschen, die an ihren Füßen klebten, in einer gleichmäßigen Kreisbewegung. Der Fünfzehnjährige hatte Mühe zu schlucken, der Atem stockte ihm in der Brust und sein Herz hämmerte ungestüm. Er betrachtete sie von der Veranda seines Hauses aus.
Das Mädchen hob manchmal den Kopf von seinem Buch, ein verschwommenes Lächeln, ein vager Blick, es strich sich übers Haar und blickte dann wieder auf das Buch. Die Elektrizität hing noch Augenblicke in der Luft. Wenn die Schmetterlinge auf sie zu flogen, schloss sie die Augen, hob den Kopf und wendete sich der Sonne zu. Ein Falter setzte sich auf ihr Augenlid und flog wenig später, nachdem er sich an der Süße gelabt hatte, die aus ihren Poren drang, davon und der Sonne entgegen. Es war Ende Frühling, die Bäume hingen voller Kirschen. Das Mädchen streckte die Hand vom Dach aus, ergriff mit den Fingern ein Blatt und zog den Zweig zu sich heran. Das Blatt riss ab, der Zweig schnellte zurück, Staub wirbelte auf, das Mädchen nieste, ein Duft von Mandarinen und eine feuchte Brise breiteten sich aus.
Fattah kletterte von der Veranda aufs Dach. Er stieg über eine niedrige Mauer, die die beiden Dächer voneinander trennte. In der Hand trug er einen langen Holzstecken. Als das Mädchen ihn erblickte, erhob es sich. Dabei geriet die Luft in Bewegung und wieder jener Duft von Mandarinen und die feuchte Brise.
Fattah verankerte den Stecken im Kirschzweig und zog ihn heran. Der Zweig senkte sich auf den Stampflehm des Dachs. Das Mädchen pflückte eilig die Kirschen und schüttete sie in einen Zipfel ihres Tschadors. Fattah ließ den Zweig los. Eine Frau trat aus dem Dunkel eines Zimmers ans Fenster, »Mahroch … Mahroch!«
Mahroch biss sich auf die Lippe und spähte von der Dachkante hinab. Die Frau am Fenster fragte, »Was war das für ein Geräusch?« Mahroch sagte, »Nichts, Mama! Es war die Katze.«
Dann setzten sich die beiden in den Schutz des Dachzugangs. Fattah lehnte sich an die Ziegelmauer. Mahroch streckte die Hand aus und strich ihm eine Strähne aus der Stirn. Sie lächelte. Sie hob die Kirschen einzeln auf, entstielte sie und schob sie zwischen ihre Lippen. Einen Augenblick wendete sie sie zwischen den Lippen, dann sog sie sie ein und zerdrückte sie mit den Zähnen. Der Saft der Kirschen sickerte durch ihre Lippen, und tröpfelte, während ihre Kiefer langsam mahlten, in ihre Mundwinkel. Tiefrote Lippen! Ihre Augenlider hoben sich, ihr Blick blitzte, gesättigt von der Süße der Kirschen, und eine Glückseligkeit wogte wie ein seltenes Gefühl im ungeduldigen Herzen des Jünglings. Sie streckte die Hand aus und nahm eine weitere Kirsche.
Fattah starrte sie mit halboffenem Mund an, blinzelte unvermittelt und atmete hastig; er bekam wohl keine Luft mehr.
Plötzlich wurde die Hoftür laut zugeschlagen. Mahroch sprang auf. Sie streckte die Hand warnend in die Höhe. Dann das Geräusch von schlurfenden Schritten auf den Kacheln des Innenhofs! Mahroch sagte, »O weh, mein großer Bruder!« Sie hatte sich erschreckt. Ihre Brüste zeichneten sich verschwommen auf ihrem dünnen Kleid aus Seidenbatist ab, und ihre Poren verströmten einen merkwürdigen Duft. Dann legte sie Fattah beide Hände auf die Schultern, »Geh, geh nach Hause. Pass auf, dass dich keiner sieht!«

Leseprobe: Die Lichter lösche ich (2006)

Zoya Pirzad, Die Lichter lösche ich, Roman, Insel 2006

Die Bremsen des Schulbusses waren zu hören. Dann das Quietschen des metallenen Hofgatters und ein Getrappel auf dem schmalen Pfad über den Rasen. Nicht nötig, auf die Wanduhr der Küche zu sehen. Es war viertel nach vier.
Als die Haustür sich öffnete, glättete ich meine Schürze und rief, „Kittel ausziehen, Hände und Gesicht waschen. Den Ranzen wirft man nicht mitten in den Flur.“
Ich ließ die Schachtel mit den Papierservietten in die Mitte des Tischs gleiten und wandte mich dem Kühlschrank zu, um die Milch herauszunehmen, als ich an der Küchentür vier Personen erblickte.
„Salam“, sagte ich. „Ihr hattet nicht gesagt, daß ihr einen Gast mitbringt. Sobald ihr eure Kittel ausgezogen habt, ist auch der Nachmittagsimbiß für eure Freundin fertig.“
Insgeheim war ich froh, daß sie nur einen Gast mitgebracht hatten, und musterte das Mädchen, das zwischen Ārmineh und Ārssineh unschlüssig von einem Fuß auf den anderen trat. Es war höher gewachsen als die Zwillinge und erschien zwischen den beiden rosigen, wohlgenährten Gesichtern bleich und mager. Ārmen stand ein paar Schritte hinter ihnen. Er kaute Kaugummi und starrte auf das blonde Haar des Mädchens. Sein weißes Hemd, dessen oberste drei Knöpfe offenstanden, hing ihm aus der Hose. Vermutlich hatte er wie gewöhnlich mit irgendwem gerauft. Ich setzte den vierten Teller und ein Glas auf den Tisch und dachte, hoffentlich werde ich nicht erneut in die Schule vorgeladen.
Ārmineh stellte sich auf die Zehenspitzen und legte ihre Hand auf die Schulter des Mädchens. „Wir haben Emily im Bus kennengelernt.“Ārssineh strich ihr über das Haar. „Sie sind gerade erst in G-4 eingezogen.“
Ich nahm eine weitere Sandwichrolle aus dem Brotkasten. Wie hatte ich den Umzug übersehen können? G-4 lag unserem Haus gegenüber, auf der anderen Straßenseite.
Ārmineh unterbrach meine Gedanken, „Sie sind gestern eingezogen.“Ārssineh fuhr fort, „Als wir gerade im Clubhaus waren.“ Dann wandten sich beide dem Mädchen zu.
Die Naht der Tasche von Ārminehs Schuluniform war zum weiß Gott wievielten Mal eingerissen. „Früher wohnte Sophie in G-4.“
Ohne hinzusehen wußte ich, daß auch Ārssinehs Kitteltasche eingerissen war. „Sophies Mutter ist Ninas Tante.“
Die Schleife von Ārminehs weißem Kragen hatte sich gelöst. „Onkel Garnik, Sophies Papa —-“
Ārssineh löste die Schleife ihres Kragens. „Wie komisch er ist, nicht, Ārmineh?“
Ārmineh nickte ihr rasch zu. „Wir sterben vor Lachen über seine Späße.“
Ich öffnete beiden die Kragen und betrachtete erneut das Mädchen, das sich offenbar nicht besonders um die Zwillinge zu kümmern schien. Es hielt die Hände auf dem Rücken verschränkt und musterte heimlich seine Umgebung. Seine Lippen waren von kräftigem Rosa, als hätte es sich geschminkt. Ich schnitt die vierte Sandwichrolle auf und sagte, „Gesicht-und-Hände-waschen.“
Sobald sie hinausgegangen waren, begann meine pessimistische Seite zu nörgeln. Was hatte das Mädchen so sorgfältig gemustert? War vielleicht irgend etwas schmutzig? Die Küche war ihm doch nicht etwa häßlich oder merkwürdig erschienen? Meine optimistische Seite kam mir zu Hilfe. Vielleicht ist deine Küche ein wenig unordentlich, aber schmutzig ist sie nie. Außerdem darf man sich nicht um die Meinung eines kleinen Mädchens kümmern. Ich strich Käse über die Butter, legte das Sandwich auf den vierten Teller und ließ meinen Blick wandern. Ich sah die Lehmkrüge mit den getrockneten Blumen auf den Küchenborden und die Schnüre mit roten Pfefferschoten und Knoblauch, die ich an die Wand gehängt hatte. Meine optimistische Seite tröstete mich. All das und noch viel mehr, was es in anderen Küchen nicht gibt, ist hübsch für dich. Selbst wenn Mutter, Schwester und Bekannte darüber lachen und sagen sollten, Clarisses Küche ähnele Hänsel-und-Gretels Hexenhäuschen, brauchst du deswegen nicht deinen Geschmack zu ändern, darfst dir ihre Worte nicht so zu Herzen nehmen, darfst nicht — Ich entdeckte den Blumentopf auf der Fensterbank. Die Blumenerde mußte gewechselt werden.
Ārmen kehrte, Gesicht und Hände gewaschen, vor den Mädchen zurück in die Küche. Er hatte sein Haar angefeuchtet und glatt über den Kopf gekämmt. Die Locken hatte er sich vorn in die Stirn fallen lassen. Er trug sein schwarzes Lieblingshemd, das auf der Brust mit einem langhornigen Widder verziert war. Als hätten meine täglichen Ermahnungen endlich gefruchtet und mein fünfzehnjähriger Sohn gelernt, auch zu Hause sauber und gepflegt zu erscheinen. Wäre nur meine Mutter da und würde ihn sehen.

Leseprobe: In der Abgeschiedenheit des Schlafs (2004)

Fattaneh Haj Seyed Javadi, In der Abgeschiedenheit des Schlafs, Erzählungen, Insel 2004 (Auszug)

Ich wälze mich in den Laken und träume von dir, mein Liebster. Träume, ich sei wach. Ich bemerke nicht, wie die Zeit verfliegt. Mein Herz wird mir vor Freude klopfend aus der Brust springen. Laß die Ärzte dieses Herzklopfen im Schlaf als Krankheit betrachten. Was wissen sie schon von dem, was ich gerade sehe? Ich sehe dich, wie du zur Tür hereinkommst. Du trägst eine Schachtel voller Quitten in der Hand. Ich hatte dir erzählt, daß ich Quitten liebe. Du lachst und küßt mich. Du sagst, du würdest sogar auf die Quitten eifersüchtig sein. Schüttest sie scherzend auf den Boden, wie um sie zu vernichten. Ich beiße in eine Quitte als sei es ein Apfel. Die Quitten reichen für eine Armee. Du wickelst die Hälfte davon in Watte und legst sie in die Schachtel zurück, damit ich zu allen Jahreszeiten davon essen kann. Deine aufrichtige Liebe weckt meinen Appetit, nicht der Geschmack der Quitten. Wir gehen nur selten aus, um uns zu amüsieren. Das häusliche Leben ist unsere größte Zerstreuung. Wann immer wir ausgehen wollen, besuchen wir das Abbassiden-Hotel. Aber nicht, um den prächtigen Hof mit den märchenhaften Malereien zu besichtigen, oder die azurblauen, wie in grünen Samt eingebetteten Fontänen, oder gar das Teehaus, das mit seinen Sitzkissen eine fürstliche Erholung wie im Harem verspricht, sondern um den Parkplatz wiederzusehen, der sich durch deinen Händedruck in unser Tadj Mahal verwandelt hatte.
Seit unserer Hochzeit sind zehn traumhafte Monate vergangen. Wir erinnern uns erneut an unsere Flitterwochen. Es ist Ende Juni, und du willst vor Beginn deiner neuen Anstellung mit mir verreisen. Ich wünsche mir, mit dir durch die Bakhtiari-Berge zu wandern. Du versprichst es mir, nimmst mich aber vorläufig nicht dahin mit. Wir reisen nach Teheran und suchen das Zimmer im Hause deines Onkels auf, daß du während deiner Studienzeit bewohnt hattest. Der Anblick deiner Junggesellenklause weckt alte Erinnerungen und macht mich noch schwärmerischer. Wir machen einen Abstecher ans Kaspische Meer. Jede Sekunde ist von wunderbaren Düften erfüllt, die wir wie Bienen freudig einsaugen. Wir räumen deinen kleinen Hausstand zusammen. Er paßt in den Kofferraum der Ente, die dein Vater uns geliehen hat. Deine Bücher stapeln sich auf dem Rücksitz. Es kümmert uns nicht, keinen eigenen Wagen zu besitzen. Wir bestehen nicht darauf, ein eigenes Haus zu besitzen. Wir werden eine Wohnung mieten und abwarten. Alles wird sich mit der Zeit finden. Hauptsache, du beginnst zu arbeiten.
Wir befanden uns auf dem Rückweg nach Isfahan, als ich meine Schuhe abstreifte, meine Knie am Armaturenbrett abstützte und den Kopf an die Nackenstütze lehnte. Auf dem Weg nach Isfahan war es, als du mir versprachst, mich in die Bakhtiari-Berge mitzunehmen. Du erzähltest mir, du habest dich vermutlich bereits als Zwölfjähriger in meinen dunklen Teint, meine kurzen, zerzausten Haare und mein tränenfeuchtes Gesicht verliebt. Du erzähltest mir, auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung um unsere Heirat habe der Anblick einer Birne dich stets an das Gesicht eines fünfjährigen Mädchens erinnert, das wegen seinem ungerechten Anteil von zu Hause fliehen wollte, was dich zutiefst bedrückt hatte. Auf eben diesem Weg nach Isfahan geschah es, daß uns ein Lastwagen entgegenkam.
Ich wälze mich in den Laken und träume von dir, mein Liebster. Mein Allerliebster. Ich liege in einem Krankenhausbett und bin vom Scheitel bis zur Sohle bandagiert. Schatten kommen und Schatten gehen. Wer bin ich? Wo bin ich? Wo bist du? Meine Tante steht an meinem Bett. Welch liebevolle Tante. Noch liebevoller als meine Mutter. Sie ist ruhig und gefaßt. Sie lächelt sogar. Sie sagt, es ginge dir nicht gut. Sie sagt, man habe dich zur Behandlung nach Teheran gebracht, und ich schlafe wieder ein.
Ich bin zu Hause, liege wie ein Kadaver auf dem Bett. Alle gehen auf Zehenspitzen. Alle flüstern miteinander. Mir wird übel. Ich verabscheue ihr ständiges Flüstern. Mein Bruder kommt an mein Bett. Ich wundere mich. Ich möchte ihn fragen, wo er war, wann er gekommen ist. Aber ich sehe ihn nur still an. Ich sehe alle still an. Frage niemanden, wie es dir geht. Zweifellos wirst du zu mir zurückkehren, sobald es dir wieder besser geht. Die Augen meines Bruders sind feucht. In den Blicken und Mienen ist ein Ausdruck, den ich nicht deuten kann. Den ich nicht deuten will, damit sie ihn nicht aussprechen.
Ich träume, man habe die Wände mit schwarzen Tüchern verhängt. Ich erwache. Immer noch liege ich kraftlos auf meinem Lager. Das Verrinnen der Zeit kümmert mich nicht. Bis jetzt habe ich noch nicht in den Spiegel geschaut. Heute verlange ich einen Spiegel. Widerwillig reicht man ihn mir. Mein Gesicht und meine Haare sind von roten Schürfwunden übersät. Meine beiden Knie sind zerschmettert. Man sagt mir, ich habe Glück gehabt, daß mein Kopf an die Nackenstütze gelehnt war. Ich kann mich an nichts mehr erinnern.
Meine Tante trifft ein. Meine Mutter flüstert ihr etwas ins Ohr. Mein Vater sitzt schweigend an meinem Bett und hält den Kopf gesenkt. Mein ehrsüchtiger Bruder schämt sich, mir in die Augen zu blicken. Meine Schwiegermutter hat mich nur ein einziges Mal besucht. Mit aufgedunsenem und gerötetem Gesicht hatte sie ihren Kopf durch die Tür gesteckt. Ihren Körper konnte ich nicht sehen. Sie betrachtete mich und sagte, „Wo fände man den Duft der Blume, es sei denn im Rosenwasser.“

Leseprobe: Erde und Asche (2001)

Atiq Rahimi, Erde und Asche, Novelle, Claassen 2001 (Auszug)

Du ziehst einen Apfel aus dem Bündel. Erneut beginnst du mit Gott zu hadern. Du flehst ihn an, von seinem Sockel herabzusteigen. Du breitest den Schal mit dem Apfelblütenmuster aus, als würdest du ihn einladen, das sieben Tage alte Brot mit dir zu teilen. Du möchtest ihn fragen, was du Ihm angetan hast, dass Er dir solch eine Wegzehr beschert hat…

– Der Soldat behauptet, die Russen hätten das Dorf zerstört?
Mirsā Qadir tritt zwischen dich und deinen Gott. Du segnest ihn für diese Frage, die dich davor bewahrt, gegen Ihn in den Kampf zu ziehen. Gott bittest du um Vergebung, Mirsā Qadir antwortest du,
– Frag nicht, Bruder, sie haben niemanden verschont… Ich frage mich, was unser Dorf Gott bloß angetan hat… Es ist dem Erdboden gleich geworden.
– Weshalb haben sie Euch angegriffen?
– Ach, weißt du, mein Bruder, wollte man in diesem Land jemanden fragen weshalb, müsste man bei den Toten in ihren Gräbern beginnen. Woher soll ich das wissen? Vor einiger Zeit waren ein paar Verräter von der Regierung gekommen, um Truppen auszuheben. Die Hälfte der jungen Männer ist geflohen, die andere Hälfte hat sich versteckt. Unter dem Vorwand, die Häuser zu durchsuchen, haben die Milizen alles geplündert und verwüstet. Mitten in der Nacht sind ein paar Männer aus dem Nachbardorf gekommen und haben die Regierungsmilizen geköpft… Die jungen Leute, die sich versteckt hielten, um nicht unter dem roten Banner dienen zu müssen, haben sie mitgenommen… Kein ganzer Tag war vergangen, als die Russen kamen. Sie umzingelten das Dorf. Ich war in der Mühle. Plötzlich hörte ich eine Explosion. Ich ging hinaus. Ich sah nichts als Flammen und Staub. Ich rannte auf das Haus zu. Weshalb wurde ich nicht vom Blitz erschlagen, ehe ich das Haus erreichte! Was habe ich verbrochen, dass ich am Leben geblieben bin, um zu sehen…
Schluchzer schnüren dir die Kehle zu. Tränen füllen deine Augen. Nein, es sind keine Tränen, es ist der Kummer, der schmilzt und herabfließt. Lass ihn fließen.

Mirsā Qadir verharrt schweigend im Fensterrahmen seines Kiosks, wie ein Bild. Als sei er Teil des Gemäldes auf der Wand hinter ihm.
Du fährst fort,
– Durch Flammen und Rauch rannte ich auf das Haus zu. Ehe ich es erreichte, sah ich Yassins Mutter. Sie rannte, ganz und gar nackt… Sie schrie nicht, sie lachte. Wie eine Verrückte rannte sie umher… Sie war im Hammam, da fiel die Bombe. Das Hammam war explodiert. Einige Frauen waren getötet oder lebendig begraben worden… Aber meine Schwiegertochter… Ach, wär ich doch erblindet und hätte sie nicht in solch einer Schande sehen müssen. Ich rannte ihr hinterher, aber sie ist in den Flammen verschwunden. Ich erreichte das Haus, ich weiß nicht mehr, wie… Vom Haus war nichts mehr übrig… Es hatte sich in eine Gruft verwandelt, für meine Frau, meinen anderen Sohn, seine Frau, seine Kinder…
Ein Kloß verschließt dir die Kehle. Eine Träne rinnt herab. Du wischst sie mit einem Zipfel deines Turbans ab und fährst fort,
– Außer diesem einen Enkel hat niemand überlebt. Aber er kann mich nicht hören. Als würde ich mit einem Stein sprechen. Es bricht mir das Herz. Sprechen reicht nicht, lieber Bruder. Worte, die nicht gehört werden, nützen gar nichts, es sind Tränen…

Du umarmst Yassins Köpfchen. Das Kind hebt die Augen zu dir auf. Es sieht dich an und ruft,
– Opa weint. Mein Onkel ist tot, meine Bibi ist fort… Qader ist tot, Bobo ist tot!
Seit einer Woche wiederholt Yassin diese Worte, sobald er dich weinen sieht. Jedes Mal stellt er das Bombardement mit Lauten und Händen nach und erzählt,
– Die Bombe war sehr stark. Sie hat alles verstummen lassen. Die Panzer haben allen Leuten die Stimme weggenommen und sind weggefahren. Sie haben sogar Opas Stimme mitgenommen. Opa kann nicht mehr sprechen, er kann mich nicht mehr schelten…

Das Kind lacht und rennt auf die Baracke des Wächters zu. Du rufst ihm nach,
– Komm zurück! Wohin läufst du?
Vergebens. Lass ihn doch spielen gehen.
Mirsā Qadir, der bislang verstummt war, als fände er keine Worte, um deinen Kummer zu teilen, murmelt nun leise einige Koranverse und spricht dir sein Beileid aus. Dann fährt er, jedes Wort betonend, fort,
– Lieber Vater, heutzutage sind die Toten glücklicher als die Lebenden. Was sollen wir tun? Es sind schlimme Zeiten. Die Menschen habe ihre Würde verloren. Statt aus dem Glauben Macht zu schöpfen, ist die Macht ihr Glaube geworden. Es gibt keine Männer mehr, die diesen Namen verdienten, es gibt keine Helden mehr. Die Menschen haben Rostam vergessen. Heute tötet Ssohrāb seinen Vater und, verzeihen Sie mir diesen Ausdruck, schläft mit seiner Mutter. Es ist die Zeit der Schlangen des Zahhāk. Der Schlangen, die das Hirn junger Männer verzehren…
Er unterbricht sich, um sich eine Zigarette anzuzünden. Er deutet mit der Hand auf das Gemälde an seiner Wand und fährt fort,
– Überhaupt haben sich die jungen Männer heutzutage selbst in Zahhāk verwandelt. Sie verbünden sich mit dem Teufel und werfen ihre eigenen Väter in die Grube… Eines Tages werden ihre Schlangen ihre eigenen Gehirne vertilgen.